Ein Blick über den eigenen Gartenzaun, Eindrücke aus England

Üblicherweise verbringen wir die Sommerferien im Süden, genauer gesagt auf der Casa del Mas. Das ist ja eigentlich auch naheliegend, denn da haben wir ein zweites Zuhause mit viel Natur rund herum, einem tollen Naturpool vor der Haustüre und ganz viele Freunde in und um Canals. Unsere Kinder Maxim und Lily fühlen sich da unten auch schon richtig zuhause.

Nun gibt es bekannterweise keine Regel ohne Ausnahme und so sind wir diesen Sommer für einmal in den Norden gereist, nach Südengland. Knappe zwei Flugstunden trennt England von der Schweiz, aber wie anders alles auf dieser (noch Europäischen) Insel doch ist! Da wird auf der falschen Seite der Strasse gefahren, der Euro ist hier nie angekommen, Tee ist allgegenwärtig und auch Spannteppiche sind überall anzutreffen: In öffentlichen wie in privaten Gebäuden, manchmal sogar im Badezimmer! Da wir am Anfang noch etwas Mühe hatten mit Ausschlafen, fiel uns auf, dass frühmorgens ja kaum jemand unterwegs ist. Selbst Bäckereien öffnen mancherorts erst um 9h.

Wenn man aus Zürich hierhin reist, fällt einem sofort die äusserst höfliche, geduldige, kommunikative und witzige Art der Briten auf. Keiner regt sich im Strassenverkehr auf oder schimpft beim endlosen Anstehen in einem ineffizienten (aber beliebten!) Fish & Chips Takeout. Die Briten scheinen Wortspiele zu lieben. Viele Werbungen, Namen von Geschäften oder Produkten beinhalten verdrehte und lustige Formulierungen. Des Weiteren scheint viel Wert auf Geschichte, Herkunft und Tradition gelegt zu werden. Gebäude, Strassen, Züge sind oft älteren Datums und werden liebevoll gepflegt. Manchmal fragt man sich, ob dieser Hang zur Nostalgie nicht gewissen Innovationen ein wenig im Wege steht.

Als Agronom und Lebensmittelproduzent schaue ich mir aber beim Reisen auch gerne die lokale Landwirtschaft an und hier in England gibt es Einiges zu sehen und zu berichten. Wenn man auf den engen und von hohen Hecken flankierten Landstrassen unterwegs ist, sieht man in regelmässigen Abständen Werbetafeln von Farm Shops, wie die Bauernhofläden hierzulande heissen. Oft laden diese nicht nur zum Einkaufen, sondern auch zum Essen und Trinken ein. Etliche dieser Höfe bieten auch Spielgelegenheiten für Kinder an oder die Möglichkeit Beeren und Früchte selber zu pflücken. Es sind bei weitem nicht alles Biohöfe, die auf die Karte der Direktvermarktung setzen. Dafür wird Regionalität ganz gross geschrieben und oft liest man Formulierungen wie «from field to fork», «from plough to plate» oder z.B. «tomorrow’s fish is still in the sea» (Slogan eines Seafood-Restaurants). Schaut man dann in den Hofläden etwas genauer auf die Etiketten des z.T. erstaunlich breiten Sortiments, stellt man fest, dass vieles doch nicht ganz so lokal und nachhaltig ist wie angepriesen. Aber das scheint die lokale Kundschaft kaum zu stören. Die Parkplätze und die Läden sind voll, am Nachmittag gehen Unmengen von Kuchen und Scones über den Ladentisch und Tee wird hektoliterweise ausgeschenkt. Das Direktvermarktungsgeschäft boomt, zweifelsohne.

Selbst die multinationalen Harddiscounter haben Regionalität vollumgänglich (und noch konsequenter als die Schweizer Grossverteiler) in ihrer Kommunikation integriert. Ganze Wände sind mit übergrossen Posters von regionalen Gemüse- und Fleischproduzenten geschmückt, man liest, dass lokale Mitarbeiter angestellt werden und auf ihren Verpackungen steht oft, dass es sich um Produkte handelt, die aus «honest British production» stammen, was auch immer das bedeutet.

Das empirisch Beobachtete lässt sich gewissermassen auch statistisch belegen. In der Schweiz werden fast gleich viel Bio-Lebensmittel gekauft wie im gesamten Vereinigten Königreich (UK) und das mit einer Bevölkerung, die acht Mal kleiner ist als jene von Grossbritannien. Der Anteil des Biokonsums von Früchten (gemessen am Gesamtfrüchtekonsum) ist in Grossbritannien mit knapp 3% merklich tiefer als die 13%, die wir in der Schweiz haben.[1] Dafür werden in Grossbritannien 15% aller biologischen Lebensmittel in alternativen Vermarktungskanälen (Hofläden, Farmers’ Markets, Gemüse- und Früchte Abos, etc.) verkauft. In der Schweiz verkaufen die Grossverteiler viel mehr Bioprodukte und die alternativen Vertriebskanäle kommen nur gerade einmal auf 8% des Bioverkaufsvolumens.

Auffallend ist wie attraktiv die Kommunikation der Direktvermarkter in England gestaltet wird. Storytelling ist hierzulande keine leere Floskel der Marketing-Gurus. Handgeschriebene Texte auf Kreidetafeln, einladende und sehr persönlich geschriebene Catch-lines, kombiniert mit hübschen, stimmigen Bildern, erwecken den Eindruck von Authentizität und regen regelrecht den Appetit auf die angepriesenen Produkte aus nächster Nähe an. Ich glaube da können wir Schweizer Direktvermarkter uns von den Briten eine Scheibe abschneiden und noch ganz viel dazulernen.

Bald sind die Sommerferien vorbei, dann beginnen auch wir mit dem Umsetzen dieses Vorsatzes!



[1] FIbL Bericht The World of Organic Agriculture Report / Statistics 2016

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